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R&A Regelwerke 2019

am 23.05.2018 von A.S.

Golfregeln 2019

Ich freue mich auf 2019, wenn das neue Regelwerk der RAGS in Kraft tritt. Und zugleich bin ich etwas traurig darüber. Mit der umfangreichsten Überarbeitung der weltweit gültigen Golfregeln seit mehr 30 Jahren wollen der Royal and Ancient Golf Club of St Andrews (R&A) und die United States Golf Association (USGA) die Komplexität verringern und den Spielfluss verbessern – kurz: das Golfspielen attraktiver und moderner machen. Kam das älteste schriftliche Regelwerk aus dem Jahr 1744 noch mit 13 Sätzen aus, ist es im Laufe der Jahrhunderte auf 34 Regeln mit zig Unterregeln angewachsen. Viele hinzu gekommene Regeln haben auf technischen Fortschritt, neue Möglichkeiten der Platzgestaltung sowie regional unterschiedliche Bedingungen und Spielkulturen reagiert. Für jede noch so abwegige Spielsituation mussten oder wollten die Regelhüter eine Entscheidung anbieten – eine schier unlösbare Aufgabe. Nun sollen die Regeln auf 24 zusammengedampft und zudem verständlicher formuliert werden. Der Wust aus Regeln, Einzelfallentscheidungen, Definitionen, Ausnahmen und Anhängen wird an vielen Stellen dadurch vereinfacht, indem man bei Details etwas weniger genau hinschaut. So weit, so gut. 

Einige Neuerungen finde ich extrem praktisch: Ein geputteter Ball darf die Fahne berühren, ohne dass es dafür gleich einen Strafschlag gibt. Wessen Ball schon einmal an der Stange abgeprallt und weitergetrudelt ist, weiß, dass dies schon Strafe genug ist. Gleichzeitig erspart man sich die lästige Lauferei für den unwahrscheinlichen Fall, dass ein 5-Meter-Putt doch ins Loch rollt. Damit der Ball auf dem Weg dorthin nicht abgelenkt wird, dürfen künftig nicht nur Ballabdrücke und lose Gegenstände entfernt werden, sondern auch die Spuren eines übergewichtigen Quadratlatschenträgers. Überhaupt fallen vor allem Strafen für Situationen und Verhalten weg, die eher am äußeren Rand der Grundregel „Spiele Platz und Ball so, wie Du ihn vorfindest" kratzen: Ein rollender Ball, der unbeabsichtigt Spieler, Mitspieler, Caddie oder die Ausrüstung trifft, bleibt ebenso straflos wie ein versehentlich berührter Ballmarker. Auch darf ein Spieler künftig in vielen Situationen seinen Ball, den Boden, Äste, Blätter oder Steine berühren und großzügiger die Stelle aussuchen, an die er einen Ball zurücklegt. Das ist praktisch gedacht, denn mal ehrlich: Wie oft verschafft man sich durch einen um ein paar Millimeter verschobenen Ball oder einige abgeknickte Grashalme einen wirklich spielentscheidenden Vorteil? (Und wer dies bisher trotzdem gemacht hat oder in Zukunft vorhat, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen) 

Schneller wird das Spiel vor allem durch „Ready Play": Es muss nicht unbedingt der am weitesten von der Fahne entfernte Ball gespielt werden. Auf privaten Runden ist das ohnehin schon Gang und Gäbe: Während ein Spieler noch den Bunker harkt oder auf Ballsuche durchs Unterholz kriecht, spielen die anderen schon mal weiter. Die Suchzeit für Bälle wird von fünf auf drei Minuten verkürzt. Wer bei einem Golfurlaub auf den beliebten Plätzen in Belek oder der Costa de la Luz nicht mehr so lange hinter einem Trödelflight warten muss, wird der R&A für diese Regelungen dankbar sein...

Wird durch die neuen Regeln alles besser? Jein. Auch wenn einige Situationen künftig strenger gehandhabt werden als zuvor, hilft das überarbeitete Regelwerk gegen das Vorurteil, man könne Golf nur als, sagen wir mal, überdurchschnittlich intelligenter Mensch ausüben. Das ist gut für die Attraktivität des Sports. Auf der anderen Seite liegt aber ein – zugegebenermaßen: eher kleiner – Teil des Reizes eben darin, dass Golf so kompliziert ist. Und jeder Schwung kann eine Situation bringen, die man nie für möglich gehalten hätte. Und um diese fair und gerecht zu handhaben sind nun einmal Regeln nötig – manchmal auch komplizierte. 

Tatsächlich gibt es wohl in keiner anderen Sportart einen Ehrenkodex, der einer Selbstkasteiung so nahe kommt wie beim Golf: Ball berührt – Strafe, Zweig umgeknickt – Strafe, beim Zählen des Scores verrechnet – Strafe. Puristen werden bemängeln, der „Spirit oft he Game" werde durch die neuen Regeln aufgeweicht. Auf einer Meta-Ebene ist dies sogar bedauerlich. Die Tendenz zur Vereinfachung zieht sich durch viele Bereiche des Lebens. Sobald ein Ziel nur mit Anstrengung erreicht werden kann – senkt man einfach die Standards. Das betrifft Eignungsprüfungen für bestimmte Berufsgruppen ebenso wie die Qualität von Produkten, um nur zwei Bereiche zu nennen. Resistent gegen „immer leichter, immer einfacher" waren für mich bisher nur die Mediziner-Ausbildung, die Straßenverkehrsordnung, die Einkommensteuererklärung - und Golf. Letzteres fällt nun weg und so manches Dilemma ist durch die neuen Regeln trotzdem nicht gelöst. Denn Spieler dürfen oder müssen künftig häufiger selber entscheiden, ob ihr Verhalten regelkonform war oder nicht. Man stelle sich das einmal beim Fußball vor. Ganz praktisch gefragt: Wie unterscheidet man eine „versehentliche" Berührung von Bällen, Sand oder Blättern von einer „absichtlichen"? Das Regelwerk formuliert dazu an einer Stelle: „... wenn dies bekannt oder so gut wie sicher ist (mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 95 Prozent)". Hilft auch nicht wirklich weiter, oder? Denn wie sich 96 oder 72 Prozent Wahrscheinlichkeit anfühlen und welche Zweifel ein „so gut wie sicher" wieder umstoßen, lässt sich wohl nur im Labor oder einem Vernehmungsraum herausfinden, nicht aber auf dem Golfplatz. Zukünftig reicht ein „Tschuldigung, war ein Versehen", um straffrei zu bleiben, auch wenn man sich absichtlich einen Vorteil verschafft hat. Aber an diesem Grundproblem ändern die Regeln nichts. Schummeln war beim Golf schon immer möglich, für die, die es wollen, wird es jetzt nur etwas einfacher...

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