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Sagen Sie doch heute Du zu mir

am 19.05.2018 von A.S.

Verabschiedung am Ende der Golfrunde / Foto: Barceló

Jetzt ist es mir doch passiert. Bisher dachte ich, das "Tages-Du" wäre eine Erfindung von Journalisten mit chronischem Themenmangel und Ich-bin-so-normal-Golfern, die sich über vermeintlich elitäre Clubs ärgern. Neulich war ich aber Gast in einem ziemlich normalen Golfclub. Wir standen zu dritt in einer zufällig zusammengewürfelten Gruppe am ersten Abschlag, als ein älterer Herr dazukam. Kleidung und Auftreten deuteten auf dickes Konto und guten Geschmack – "Professor oder Zahnarzt", dachte ich. Wir drei Golfer, alle in den 30ern bis 40ern, hatten uns schon vorher wie üblich mit den Vornamen vorgestellt. Der Herr "Professor" gesellte sich zu uns und sagte: "Guten Tag, haben Sie etwas dagegen, wenn ich die Runde vervollständige?". Natürlich nicht. Also fuhr der Professor freundlich fort: "Ich bin Dr. Schneider*. Darf ich Ihnen das Tages-Du anbieten? Ich heiße Achim."

Wie meine Mitspieler reagierten, konnte ich nicht erkennen. Aber ein Teil meines Egos wollte sofort antworten "Meinst Du das ernst? … Was bist Du denn für ein Schnösel? … Auf dem Golfplatz duzt man sich!". Zum Glück verhinderte meine vernünftigere Hirnhälfte dies und zwang mich zum Nachdenken. Dr. Schneider (nicht mal Professor!) schien kein Unsympath zu sein, der bei jeder Gelegenheit zeigt, dass er sich durch Beruf, Geld oder Einfluss für etwas Besseres hält. Im Regelwerk des The Royal and Ancient Golf Club of St Andrews ist leider auch nicht vorgeschrieben, welche pronominale Anrede man für seine Flight-Partner verwenden muss. Und zum Glück ist das Tages-Du eine ziemlich deutsche Erfindung. Im skandinavischen und englischen Sprachraum wird, zumindest oberflächlich betrachtet, nicht zwischen "Du" und "Sie" unterschieden. Bei einem Golfurlaub im Ausland wird mal also nur selten vor dem Problem stehen, ob man ein Tages-Du akzeptiert oder ablehnt.

Wenn Dr. Schneider sich auf der Runde duzen und danach siezen lassen will, ist das zwar seltsam, aber eigentlich noch kein Grund, um auf die Palme zu gehen. Schaut man sich die Diskussionen in Golf-Foren an, überwiegt die Haltung: "Im Sportverein duzt man sich und wer das nicht macht, ist versnobt und arrogant." Aber warum muss man auf dem Golfplatz etwas machen, worauf man in anderen Bereichen des Lebens niemals kommen würde? Hand hoch: Wer spricht ausnahmslos jeden Menschen im Supermarkt mit Du an? Am Arbeitsplatz? Beim Arzt? Bei der Polizei? Aha.

Pauschales Duzen irritiert mich. Es ist ähnlich unangenehm wie die mittlerweile weit verbreitete Sitte, selbst wildfremde Leute mit einem Bussi auf jede Wange begrüßen zu sollen. Vielleicht ist auch Dr. Schneider aka Achim Vertreter der Generation, für die das "Sie" gegenüber Fremden völlig selbstverständlich ist und damit nicht einfach auf dem Golfplatz aufhören kann. Die alte Faustregel, je fremder, je größer der Altersunterschied und je höher der andere in der Hierarchie steht, desto eher wird gesiezt, hat auch heute noch Bestand. Aber das Schöne an gesellschaftlichen Normen ist ja, dass sie sich wandeln. Noch vor einigen Jahrzehnten hätte ein "Du" zu hohen Vorgesetzten ins Karriere-Aus geführt. Es ist auch noch nicht so ewig lange her, dass sich Männer von ihren eigenen Kindern mit "Sie" anreden ließen. Mittlerweile ist das "Sie" auf dem Rückzug, was ich manchmal schade finde, denn mit dieser Anrede drückt man neben Distanz auch Respekt gegenüber einer Person aus. Und Respekt ist etwas, das heutzutage viele Leute – grundlos - für sich einfordern, sie aber nicht gegenüber anderen gewähren wollen.

Zurück auf den Golfplatz. Ich bin mir sicher: Ich möchte mich nicht von jedem Menschen, dem ich einmal auf dem Golfplatz begegnet bin, für den Rest meines Lebens duzen lassen. Einige Spielpartner haben sich als dermaßene Vollpfosten herausgestellt, dass es mir peinlich wäre, würden die mich auf dem Supermarkt-Parkplatz begrüßen wie einen Freund. Statt "Tages-Du" nenne ich das "Nach-der-Runde-für-den-Rest-des Lebens-Sie". Wenn Achim also zumindest für eine "Golfrunde mit Du" nicht zeigen will, was für ein überlegener Typ er ist, dann finde ich das Okay. Später kann er mit ja noch das Dauer-Du anbieten. Ich habe ihm übrigens geantwortet: "Okay. Aber wenn Du dich damit wohler fühlst, dann sage ich auch gerne Sie zu dir." Ich glaube, ich habe seine Gedanken erraten.

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