+49 8234 967210

Anfrage

Katalog bestellen

Newsletter

Billig? Teuer? Ansichtssache…

am 09.06.2017 von jas

Golfplatz mit zuvielen Löchern

Ich finde, Golfurlaub ist zu billig. Wirklich. Echt jetzt.* Seit Stunden suche ich nach der ultimativ-günstigen Golfreise, füttere Google mit Begriffen wie "günstig Golfreisen" und "Golfurlaub billig", lande aber immer auf Seiten, auf denen sinngemäß steht "Golfurlaub muss nicht teuer sein". Da finde ich dann Angebote für "Golfurlaub in Andalusien ab 580 Euro" mit Halbpension, 7 x Golf und inklusive Flug. Wahnsinn. Das ist wirklich billig! Leider steht da das Wörtchen "ab" – ein Hinweis darauf, dass die Reise nur im Ausnahmefall tatsächlich so günstig ist.

Aber glaubt wirklich jemand, man könne für das Geld einer billigen Ballermann-Sause eine hochwertige Golfreise kaufen? Vermutlich nur jemand, der für den Preis eines Dacia den neuen 7er BMW erwerben möchte – ist doch auch ein Auto. Bei Dingen, die man in die Hand nehmen kann, versteht doch auch jeder, dass unterschiedliche Ausstattung, Verarbeitung und Servicequalität ihren Preis haben. Urlaubsreisen machen aber keine Ausnahme von dieser Regel, auch wenn man sie nicht nebeneinander legen und vergleichen kann.

Was ich nicht verstehe: Wie kommen die Hoteliers auf solche Preise?

Nehmen wir mal einen Reisepreis von 700 Euro an, weil der sich so schön teilen lässt. Angenommen, dafür gibt es eine Woche mit täglich Golf, morgens und abends Essen und den Flug. Ziehen wir mal großzügigerweise nur 200 Euro für den Flug ab, obwohl das selbst für innereuropäische Verbindungen oft nicht ausreichen wird (Nur weil Ryanair & Co ein einige wenige Sitzplätze für 9,99 Euro verschleudern, kosten die meisten Flugtickets deutlich mehr).
Bleiben noch 500 Euro für 7 Tage Hotel, also rund 71 Euro pro Tag. Eine Greenfee auf einem vernünftigen Golfplatz ist eigentlich nicht unter 50 Euro zu haben, schließlich muss die Anlage ordentlich gepflegt und der Fuhrpark gewartet werden. Es gibt Urlaubsregionen, in denen Golfrunden noch günstiger verkauft werden – dann müssen die Betreiber ihre Kosten anders wieder reinholen, etwa durch dicht getaktete Startzeiten, voll- bis überbelegte Flights oder gleich doppelt verkaufte Greenfees es soll deswegen ja sogar schon zu Tumulten auf südosteuropäischen Golfplätzen gekommen sein. Man kann auch an der Platzpflege sparen, lässt den Rasen wuchern und die Divots einfach liegen. Auf so einem Acker eine Runde zu spielen, macht dann nur noch eingefleischten Pfennigfuchsern und Centumdrehern Spaß.

Nach Abzug der Greenfee würden dem Hotellier noch 21 Euro pro Tag und Gast verbleiben – dafür müsste er Transfers organisieren, Essen bereitstellen, Energie- und Wasserrechnungen bezahlen, sein Personal entlohnen und vieles mehr. Es leuchtet ein, dass bei so einer Summe nur mit Billigwurst am Frühstücksbüffet, Kaltwasser in der Dusche und Algen im Pool ein Gewinn zu machen wäre.

Wo ein Golfurlaub für solche Niedrigpreise rausgehauen wird, muss die Sache einen Haken haben…

Denn in dieser beispielhaften Rechnung ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass bei den meisten Reisen auch ein Reiseveranstalter eingebunden ist. Der wird für seine Leistungen ebenfalls entlohnt – allerdings erschreckend niedrig. Nach einer Umfrage der Touristik-Fachzeitschrift FVW liegt die Umsatzrendite der meisten Veranstalter bei einem bis drei Prozent. Für diese Ertragsaussichten würden die Manager anderer Branchen morgens nicht einmal ihren Zeh aus dem Bett halten.

Manchmal kommt es vor, dass man eine Golfreise über Flug- und Hotelportale im Internet preisgünstiger zusammenbuchen kann als beim Reiseveranstalter. Das bisschen gesparte Geld kann am Ende teuer kommen. Alles, was schief gehen kann - verpasste Flüge, schlechtes Hotel, Evakuierung im Krisenfall – müssen Selbstbucher auch selbst gerade biegen, statt die Experten des Reiseveranstalters das Problem lösen zu lassen. Noch schlimmer ist es, wenn jemand gleich eine ganze Gruppenreise in Eigenregie organisiert – von der Verletzung im Hotelpool bis zu den Kosten für verschobenen Rückflug steht er für alle Schadenersatzforderungen mit seinem Privatvermögen gerade. Seriöse Reiseveranstalter müssen für solche Fälle eine Haftpflichtversicherung besitzen.

"Billig, teuer oder angemessen?" Ich finde, das ist die falsche Frage. "Gut oder schlecht?" wäre richtig. Was nützt mir eine billige Reise, wenn ich vom schmuddeligen Hotelzimmer oder dem miesen Golfplatz genervt bin. Ein hoher Preis ist zwar keine Garantie für "gut", erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass mit der Qualität alles stimmt. Dass sehen übrigens viele Deutsche so, denn sie geben immer mehr Geld für Urlaub aus. Im vergangenen Jahr waren es für Reisen von mindestens fünf Tagen Dauer im Schnitt 958 Euro – vom Zeltplatz an der Ostsee bis zur Luxuskreuzfahrt.

* Eine alte Regel der geschriebenen Kommunikation besagt: Keine Ironie verwenden! Weil sich der unernste Unterton nicht zuverlässig in Worte umsetzen lässt, nehmen einige Leser die ironisch gemeinte Formulierung ernst. Ich breche gerne mal eine Regel. Und wenn mich 98 von 100 Lesern verstehen, reicht mir das auch.

Zurück zur Übersicht